Blind Date

 

Sie spürte endlich wieder dieses Gefühl, welches sie zuletzt als Teenager wahrnahm. Diese urplötzliche Leichtfüßigkeit, die sie sanft in die Luft hob. Dieses Kribbeln, das sich vom Brustkorb in Richtung Nacken schlängelte. Ihre versteinerte Mimik begann zu bröckeln, ihre tief hängenden Augenbrauen fingen an zu zittern, scheinbar zusammengewachsene Lippen rissen langsam von der Mitte her auf und ihre Ohren versuchten auf ihrem Hinterkopf zusammenzutreffen.

 

Sie lächelte. Ein einfach programmierter Algorithmus schaffte das, was niemand in den letzten zwei Jahren schaffte. Er gab ihr Hoffnung. Er sprach von einem „85 prozentigen Soul-Match“. Jedes Mal, wenn sie sich einloggte, hoffte sie auf das kleine blaue Lämpchen, das erleuchtet, wenn ein zu ihr passendes Profil gefunden wurde. Noch während sich die Internetseite aufbaute hielt sie mit ihrer Hand die obere rechte Ecke zu, um die Spannung noch etwas weiter hinauszuzögern. Wenn nichts aufleuchtete drückte sie „neu laden“. Einfach um sicher zu gehen. Doch nicht dieses Mal. Sie konnte unter ihren gelb lackierten Frenchnails ein blaues Schimmern ausmachen. Ein Treffer.

 

Bisher bekam sie nur Nachrichten von Männern, die auf ihr Profilbild reagierten oder ihr Lebensmotto kommentierten. Dabei war das Foto schon zwölf Jahre alt und das Motto von Erich Kästner. Ein „Soul-Match“ jedoch bezog sich auf die Wünsche, Interessen und Lebenseinstellungen, die man bei der Neuanmeldung eingibt. Sie waren für niemanden sichtbar. Darauf kam es doch an. Wen der Dating-Gott für einander bestimmt kann sich glücklich schätzen. Darauf vertraute sie und beantwortete die Anfrage „Lust auf ein Blind-Date mit deinem Soul-Match?“ mit „Ja“. Keine Namen, keine Bilder, nur ein Chat um ein Treffen zu arrangieren. Zum Glück gab es die Leiste mit den Smilies, denn um einen originellen oder charmanten Satz zu formulieren fehlte ihr die Ruhe.

 

Nach einigen von Semikolons und Satzklammern geschwängerten Zeilen war ein Date verabredet. Das digitalisierte Schicksal hatte ganze Arbeit geleistet. Sie saß nächtelang vor ihrem Laptop, um ihre Persönlichkeit in ihr virtuelles Profil zu meißeln. Das grelle Licht des Bildschirms umhüllte sie mit Sicherheit und schütze sie vor der Einsamkeit, die ihr das dunkle Arbeitszimmer bedrohlich entgegenschmiss. Es war so einfach ehrlich zu sein, anzugeben, dass ihr sexuelles Verlangen wichtiger war als Reichtum. Spontan sollte er sein. Natürlich. All das, was sie in ihrer gescheiterten Ehe vermisste. Dank des Internets war es nun möglich die persönlichste Sache der Welt so unpersönlich wie nur möglich zu gestalten.

 

Am Abend des Treffens war sie schon Stunden vor der verabredeten Zeit in der Stadt und lief nervös durch die Fußgängerpassage. An jedem Schaufenster, an dem sie vorbeilief, musterte sie unauffällig ihre Figur. Jeder Blick eines vorbeistürmenden Passanten verunsicherte sie. War ihr Outfit unangemessen? Der Eyeliner zu dick? Doch mit dem Gedanken, dass sie gleich auf ihren Seelenverwandten treffen wird, verblasste jeglicher Zweifel. Pubertäre Tagträume ließen die letzte Stunde verfliegen und schwörten eine schon klischeehafte Romantik hervor, die sie so das letzte Mal fühlte als sie mit ihrem ersten Freund auf Roy Blacks „Mein Herz ist bei Dir“ tanzte. Deswegen musste es richtig sein, sich auf das Blind-Date eingelassen zu haben.

 

Wie verabredet trug sie eine weiße Jeans und ein rotes Top, um ihr neu gestochenes Tattoo zu präsentieren. Die Lotusblüte auf ihrer Schulter stand für Ewigkeit und Jugend. Für eine Frau untypisch war sie schon einige Minuten zu früh am Treffpunkt. Der Ort war nicht gut gewählt. Sie wurde schon zum wiederholten Mal von einem Obdachlosen angesprochen und der für Unterführungen typische Ammoniakgestank verhinderte nervenberuhigendes Durchatmen. Mit jeder Minute stieg in ihr ein undefinierbares Unbehagen, das sie sonst nur kurz vor auftretenden Depressionsattacken verspürte. Hoffnungsvoll starrte sie auf die sonnenlichtgetränkte Treppe.

 

Eine große Gestalt mit einer Rose in der Hand durchbrach den Lichtkegel. Während sich seine Augen noch an die schlechten Lichtverhältnisse gewöhnen mussten, versuchte sie leicht geblendet sein Gesicht zu erahnen. Sie erkannte ihn sofort. Allein der Gang war verräterisch genug. Sie schloss sich einer passierenden Gruppe von Reinigungskräften an und verschwand mit ihr um die nächste Ecke. Ihre schweißgebadete Hand suchte an den kalten Wandfließen Halt. Ihre Beinmuskulatur verlor jegliche Spannung. Mit letzter Beherrschung schob sie sich Richtung Rolltreppe. Wie konnte das nur passieren? Ihr Exmann? Noch bevor die Rolltreppe sie an die Oberfläche getragen hatte, war sie wieder ganz unten angekommen.