Vom Trödeln und Handeln – ein Spaziergang über den Homburger Flohmarkt

 

Ein Blick. Fünf Sekunden. Und schon stehe ich unter einem Bann. Diese magische Wirkung geht von einem dunkelroten Wandteppich mit großzügigem Blumenmuster aus, der an der Seite eines Wohnwagens befestigt ist. Vor dem Fahrzeug ist ein Campingklapptisch aufgebaut. Auf ihm stapeln sich neben orientalischen Lampenschirmen und Wasserpfeifen weitere Wandbehänge, hunderte davon. Der Mann hinter dem Campingtisch lächelt mich an. "Mit Seide", erteilt er mir Auskunft, "Aus Ägypten".

 

Es ist Samstagvormittag und ich befinde mich auf einem Flohmarkt. Nicht auf irgendeinem Flohmarkt, sondern auf dem größten, den das Saarland zu bieten hat: In Homburg. Dort tummeln sich an besucherreichen Tagen bis zu 4000 Besucher an über 1500 Ständen. Ebenso viele scheinen auch heute hier unterwegs zu sein. Seit 1975 gibt es den Homburger Flohmarkt, der sich vom städtischen Forum bis hinein in die Innenstadt zieht. Verkauft wird hier so gut wie alles, was man sich nur vorstellen kann: von vergilbten Fotos verliebter Paare über angeschlagene Teeservices bis hin zum mintgrünen Paar gebrauchter Schlittschuhe in Kindergröße.

 

In gemächlichem Tempo schlendern die Leute die Gasse hinunter, die zu beiden Seiten von den Trödelmarktständen gesäumt wird. Eilig hat man es hier nicht. Hin und wieder bleibt man stehen, tritt näher zu den Tischen, weil etwas Bestimmtes den Blick auf sich gezogen hat. Es wird inspiziert, bestaunt und gehandelt. Man kommt miteinander ins Gespräch. Beim Verhandeln über ein abgenutztes Bügeleisen unterhält man sich nebenbei in beinahe nachbarlichem Ton über die Vorzüge der Technik und über die gute, alte Zeit.

 

Da ist etwas dran. Aus jedem Winkel scheint diese gute, alte Zeit zu strömen, aus altertümlichen Kaffeemühlen, aus angelaufenen Kupferkesseln und geflickten Hutschachteln. Die Flohmarktbesucher scheinen von diesem Zeitgeist erfasst. Beflissen suchen sie in Kartons und auf den Tischen nach Allem, was entweder kurios oder kostengering ist. Es ist beinahe unmöglich, sich nicht von diesem Stöberfieber mitreißen zu lassen, ganz im Sinne des ursprünglichen Flohmarkts, bei dem die Leibeigenen in den abgelegten Kleidern ihrer Fürsten wühlen konnten, um sich damit neu einzukleiden. Mangels zureichender Hygiene wanderten auch die Flöhe in den Kleidern mit auf Haut und Köpfe der neuen Besitzer. Hoffentlich nicht mehr heutzutage, denke ich und widme meine Aufmerksamkeit wieder dem roten Wandteppich.

 

Unauffällig wende ich den Stoff nach dem Preisschild um. Und schlucke. Satte 300 Euro kostet das schöne Stück, eigentlich kein Preis, den man auf einem Flohmarkt erwarten würde. Der Händler klärt mich auf, dass er seine Ware auf dem ägyptischen Markt einkauft und nach Deutschland verfrachtet, wo er sie direkt an die Kunden weiterverkauft. Daher auch der dreistellige Verkaufspreis.

 

Mein Verzagen hat er offenbar bemerkt, denn er fährt fort: "Ich mache einen guten Preis für dich. Student?" Das bejahe ich, woraufhin er eine verständnisvolles Miene aufsetzt, das Miene eines erfahrenen Händlers, der weiß, wie man einen ins Wanken geratenen Kunden doch noch für sich gewinnen kann. Aber ich habe keine Lust zu feilschen. Höflich mache ich ihm verständlich, dass ich mich wegen eines Wandteppichs nicht einen Monat lang von Tütensuppen ernähren kann. Damit gibt er sich zufrieden und ich setze meinen Spaziergang über den Trödelmarkt mit einer noch ungefüllten Tasche fort.

 

An einer anderen Stelle bietet ein Pärchen mit sonnengebräunter Haut Olivenöl und "Echte Naturschwämme" an, die angeblich von der griechischen Schwammtaucherinsel Kalimnos im ägäischen Meer stammen.

Echte Naturschwämme sind in Deutschland schwerlich zu bekommen. Zwar kann man sie übers Internet bestellen, doch selbst dann kann es sich immer noch um eine synthetische Nachbildung handeln. Nein, um die Echtheit zu überprüfen, braucht es einen direkten Test. Und der ist untrüglich.

 

Kurzerhand stecke ich meine Nase in das flauschige Gewebe eines Schwammes hinein. Und tatsächlich: ein salziger Geruch, der an Meerwasser, an Seetang und an Fischschuppen erinnert, steigt mir aus dem Schwamminneren entgegen. Einwandfrei ein Echter! Für 15 Euro erstehe ich die mediterrane Rarität.

 

Ich stecke ihn in die Tasche und kehre beseelt auf die Gasse zwischen den Ständen zurück. Trotzdem fehlt etwas. Noch hat sich bei mir das "wahre" Flohmarktfeeling noch nicht eingestellt. Was ich gekauft habe, war ein neues Stück, kein Gebrauchtes.

 

Plötzlich höre ich hinter mir, wie jemand meinen Namen ruft und schon stehe ich den beiden Menschen gegenüber, die mir besser als alle anderen helfen können, dieses Gefühl in mir wachzurufen: meine Tante und mein Onkel. Seit ich klein bin, kenne ich die beiden als erfahrene Flohmarkt-Trapper. Für sie ist es Hobby, vielleicht sogar Leidenschaft. Flohmärkte sind für sie der Ort, wo sie Dinge erstehen mit denen sie ihr Heim in ein "Kuriositätenkabinett", wie sie es nennen, verwandeln können.

 

Rasch schildere ich ihnen mein Bedürfnis. Natürlich weiß meine Tante die richtige Adresse, wo dieses Bedürfnis gestillt werden kann. Schon zieht sie mich zu einem Stand, hinter dem eine dunkelhäutige Verkäuferin in kleinen Kisten Schmuck ausstellt. Sie und meine Tante begrüßen sich herzlich. Meine Verwandten kaufen oft bei ihr, daher zeigt sie mir etwas aus ihrem Kästchen für befreundete Kunden: eine Brosche aus Elfenbein mit so filigranen Mustern, dass ich Angst habe, sie bei einer Berührung zu zerbrechen.

 

"Die kommt vom Kaspischen Meer", erklärt mir die Dunkelhäutige. "Sie hat meiner Schwester gehört. Sie heißt Jana, so wie du. Die Brosche passt also gut zu dir".

 

Da muss ich ihr Recht geben. Abgesehen vom Namen hat es mir das alabasterfarbene Schmuckstück auch ansonsten angetan. Ganz flohmarktgerecht erkennt man an ihm einige Gebrauchsspuren. An einer Ecke fehlt ein Stück und die Spangenhalterung löst sich allmählich vom Klebstoff. Doch das sind alles Kleinigkeiten, die sich bequem reparieren lassen.

 

Wichtig ist vor allem die Brosche an sich: ihre Herkunft, ihr Alter und ihre Geschichte. Das alles kaufe ich praktisch mit. Es gehört dazu, wenn man etwas auf einem Flohmarkt ersteht. Ich bekomme die Brosche fünf Euro günstiger und lasse sie zum Schwamm in die Tasche gleiten. Ich bedanke mich bei der Verkäuferin für den Preisnachlass, bei meiner Tante für den Tipp und kaufe uns allen für das gesparte Geld Zuckerbrezeln.

 

Zum Abschied winke ich den anderen zu. Ich verlasse den Homburger Flohmarkt. Der Weg zum Bahnhof kommt mir wie ein langer, roter Teppich vor auf dem ich entlanggehe. Ein sehr teurer Teppich zwar, aber wer weiß, vielleicht kehre ich in ein paar Jahren zu dem Flohmarkt zurück, mit Geld statt Schwämmen in der Tasche und dann hole ich mir das schöne Stück nach Hause.