Stacheldraht ums Herz

 

Ich sitze im Intercity von Stuttgart nach Sigmaringen. Es ist noch sehr früh, gerade erst flimmert die Morgenröte am Horizont. Ich bin mitten in der Nacht losgefahren. Als sein Anruf kam, habe ich sofort meine Sachen gepackt. Sein Anruf, seine Stimme... so lange habe ich sie nicht mehr gehört.

 

Das letzte Mal, als ich sie hörte, schrie er mich an. Ich will nicht daran denken, doch die Erinnerung überkommt mich. Einen Tag vor meiner Abreise. Wir hatten uns gestritten. Er sagte mir, er würde wegziehen, er würde zurück gehen nach Berlin. Ich wusste, dass dieser Tag irgendwann kommen würde, dass mein Traum irgendwann zu Ende sein würde, aber dass er so plötzlich kam... Er ging, als ich fort war. Als ich zurück kam, zeugte nichts mehr davon, dass er überhaupt hier gewesen war. Alles war weg. Nur meine Erinnerungen waren geblieben. Auch ich verließ die Stadt. Die Erinnerungen, die mit jedem Gebäude, jeder Straße, jedem Baum hochkamen, ich hielt es nicht aus. Ich hatte das Gefühl eine Art Stacheldraht hatte sich um mein Herz gelegt und würde nie wieder weggehen. Doch die neue Umgebung hatte mir gut getan. Ich war auf andere Gedanken gekommen, die Erinnerungen verschloss ich tief in meinem Herzen. Nach Monaten schaffte ich es wieder meine alte Heimatstadt zu besuchen. Ich hatte ein flaues Gefühl im Magen, als ich die Umrisse der Stadt in der Ferne erkennen konnte, Angst, es könnte wieder alles hochkommen. Doch es war aushaltbar. Ich konnte alte Lieblingsplätze besuchen, konnte alte Freunde treffen. Es war gut.

 

Und jetzt, zwei Jahre später, ruft er mich an. Ohne Vorwarnung, mitten in der Nacht.

 

Mein Blick wandert auf meine Schuhe, meine roten Damenschuhe der Größe 39. Lange habe ich sie nicht mehr getragen. Das letzte Mal... Die freundliche Dame vom Zugservice reißt mich aus meinen Gedanken. Ich bestelle einen großen Milchkaffee. Mit einem lächeln stellt sie ihn vor mir ab. Ich trinke einen Schluck, spüre wie der warme Kaffee durch meinen Körper wandert und mir wärmer wird. Ich versinke wieder in Gedanken. Die roten Schuhe... Ich hatte sie damals getragen, als wir im Casino waren. Eigens für diesen Abend hatte ich sie mir gekauft. Sie waren eine Nummer zu klein, aber ihm hatten sie so gut gefallen. Wie hätte ich da nein sagen können? Er im Anzug, ich im schlichten Schwarzen mit den roten Schuhen. Es war ein wundervoller Abend gewesen. Einer der seltenen Abende, an denen einfach alles perfekt und mein Traum niemals zu enden schien. Ich muss lachen. „Alles auf die 25 im Casino“, hatte er vor dem Eintreten zu mir gesagt. Naja wirklich Glück im Spiel hatte er an diesem Tag nicht gehabt. „Pech im Spiel, Glück in der Liebe“, hatte er am Ende des Abends gesagt und mich geküsst. „Das nächste Mal suchst du die Zahl aus.“ Ich schwebte im siebten Himmel. Aber ein nächstes Mal hatte es nicht mehr gegeben.

 

Mein Blick wandert wieder aus dem Fenster. In der Ferne kann ich schon das Schloss erkennen. Warum er mich sehen will? Ich weiß es nicht. „Ich bin in Sigmaringen, kannst du kommen? Ich muss dich sehen!“ Warum ich seiner Aufforderung folge? Ich liebe ihn immer noch. Mit niemandem habe ich mehr über ihn gesprochen, tief in mir habe ich es verschlossen gehalten, ich wollte es selbst vergessen, aber jetzt weiß ich es, jetzt da ich seine Stimme wieder gehört habe: Die Liebe zu ihm ist immer noch da. Ich will den alten Traum weiter leben.

 

Ich stehe vor dem Café, in dem wir uns treffen wollen und sehe ihn drin sitzen. Ich öffne die Tür und gehe auf ihn zu. Er steht auf und umarmt mich. Mein Herz pocht wie verrückt. Kurzer Small-Talk, dann nimmt er meine Hand. Ich sehe ihn erwartungsvoll an. Wird er mir jetzt sagen, dass er mich vermisst hat, dass er mich deshalb sehen musste? Dass es ihm leid tut? „Es freut mich riesig, dass du gekommen bist. Dass du direkt in der Nacht noch kommst, hätte ich nicht erwartet, aber es freut mich. Ich muss dir unbedingt etwas sagen: Ich werde heiraten!“

 

Die Farbe weicht aus meinem Gesicht. Ich entziehe im vorsichtig meine Hand. Er erzählt weiter, ist gar nicht mehr zu stoppen, aber ich höre nichts mehr. Ich bin wie in Watte gepackt. Wer wird mir diese Geschichte glauben? Ich glaub es ja selbst nicht. Ich stehe auf. Ich glaube, ich murmle noch ein „Herzlichen Glückwunsch“ und verlasse das Café. Er ruft mir nach, aber ich gehe einfach weiter, einfach weiter die Straße entlang.

 

Ich weiß nicht wo ich hinlaufe. Tränen verschleiern meinen Blick und tropfen meine Wagen hinab. Der Stacheldraht schnürt sich enger als je zuvor um mein Herz. Das Atmen fällt mir schwer. Dieser Schmerz ist kaum aushaltbar, ein Gefühl, als würde es mich innerlich zerreißen. Mein letzter Gedanke, bevor ich auf die Straße laufe: Am Ende stehe ich wieder im Regen.