Ein musikalisches Geburtstagsgeschenk

 

Er muss ein sehr guter Lehrer sein, der seinen Schülern nicht nur Technik und Musikalität vermittelt und in seinem Unterricht mit ihnen gemeinsam den Grundstein zu mancher Karriere gelegt hat – Professor Nathan Mendelssohns Studenten haben ihrem Meister Positionen in Spitzen-Orchestern zu verdanken. Aber er muss es auch verstanden haben, sie zu einer Art „Familie“ zusammen gebracht zu haben. Nicht umsonst reisten mehr als nur eine Handvoll von ihnen aus der ganzen Welt nach Bad Kissingen, um ihm am Freitagabend (24. Mai) im Rossini-Saal ein Jubiläumskonzert zum 70. Geburtstag zu spielen.

 

Angereist aus aller Welt

 

Wirklich jung waren die Gratulanten nicht mehr. Alle spielen neben ihren solistischen Tätigkeiten in verantwortlichen Positionen großer Orchester wie im Orchester der Metropolitan Opera New York oder im Israel Philharmonic Orchestra sowie in Strasbourg, Athen oder La Coruna oder in renommierten Orchestern Deutschlands. Die meisten hat Nathan Mendelssohn schon an der berühmten Uspensyk-Schule des Koservatoriums von Taschkent oder im Samarkand unterrichtet, bevor er sich im Jahr 2000 mit seiner Familie in Bad Kissingen niederließ.

 

Virtuose Lockerheit und individuelle Charaktere

 

Alle spielten mit großem Vergnügen und virtuoser Lockerheit. Jeder verfügte über eine grundsolide technische Stabilität. Nichts verwischte. Jeder Ton wurde äußerst präzise gespielt und kam zu seiner klanglichen Entfaltung. Alle haben ihren eigenen Charakter bewahrt, niemand wurde in eine Mendelssohnschablone gepresst. Das zeigte der erste Teil des Konzertes, der aus verschiedenen solistischen Beiträgen bestand: Kosta Vasiliadi ließ bei seinem 5. Ungarischen Tanz von Brahms bei aller Genauigkeit auch ein bisschen mediterranes Laissez-faire durscheinen. Ada Cherkassakaja spielte mit klarem und einfachem Ton drei Tangos von Piazzolla. Den rhythmischen Pfiff zauberte jedoch erst Nadezhda Mendelssohn, die souveräne Klavierbegleiterin des Abends. Vladlen Chernomor stellte mit Sarasates "Caprice basquaise" und seinen perfekt intonierten Doppelgriffen höchste technische Fähigkeiten unter Beweis. Alie Bekirova verzauberte das Publikum mit einer unglaublich präzisen, klangschönen Carmen-Fantasie von Sarate sowie Daniel Khalkikov mit Bartóks rumänischen Tänzen. 

 

Kerzengerade, ohne auch nur zu zucken, saß Nathan Mendelssohn in der Mitte der ersten Reihe und schaute seinen ehemaligen Schülern hochkonzentriert auf Finger und Bogen. Sein Mienenspiel verriet nicht, ob ihm alles gefallen hat und ob alles so geblieben ist, wie er es seinen Schülern einst beigebracht hat, aber er muss zufrieden gewesen sein.

 

Spontanes Kammerorchester

 

Der zweite Teil des Konzerts fiel unter Vergnügen pur. Zusammen mit Gastmusikern aus dem Philharmonischen Kammerorchester Berlin verstärkten sich die Gratulanten zu einem Kammerorchester. Mit wechselnden Solisten wurde Bachs Doppelkonzert, ein Satz von Ennio Morricone sowie Mahlers Adagietto aus der 5. Sinfonie gespielt. Cd-reif war das natürlich nicht, sondern eher sehr spontan und dementsprechend unabgesprochen. Die Interpretationen waren jedoch gefühlvoll, abwechslungsreich und die Stimmung unterhalb der Musiker fröhlich und familiär. Sarasates Zigeunerweise mit Ruslan Asanov als Solist setzte schließlich einen willkommenen Schlusspunkt voller Lebhaftigkeit 

Nathan Mendelssohn, der - überraschend und erst nach Aufforderung seiner ehemaligen Schüler - das Vivaldi Konzert für vier Violinen und B.c. dirigiert hatte, strahlte am Ende des Konzerts und machte es erwartungsgemäß knapp: Er dankte seinen Schülern und seiner Frau und verabschiedete das Publikum mit den Worten „Bleiben Sie gesund und gute Fahrt nach Hause!“

Begeistertes Publikum

 

Mit seinem barocken Baustil und speziellen Beleuchtungseffekten vermittelte der Rossini-Saal eine stimmungsvolle Atmosphäre und eignete sich mit seinen akustischen Gegebenheiten perfekt für ein kammermusikalisches Konzert. Die rund 250 Zuschauer füllten den Saal fast komplett aus, größtenteils war älteres Publikum vertreten.

 

Bedauerlicherweise musste das Publikum an dem Abend auf ein Programmheft verzichten. Der für das Konzert vorgesehene Moderator fiel zudem kurzfristig aus. Michael Kibardin, ein weiterer Solist des Abends, übernahm spontan die Moderation und führte mit knappen und akustisch leider nur sehr schwer verständlichen Worten durch das Programm.

 

Die viel zu langen Umbauzeiten und Wechsel zwischen Solisten und Orchestermusiker streckten die Konzertgesamtdauer auf drei Stunden – eine Herausforderung für manch ältere Gäste im Publikum. Die Umbauarbeiten hätten besser organisiert und mit Hilfe von Technikern viel schneller durchgeführt werden können. Trotz alledem war es ein rundum gelungener Abend – ein besonderer Genuss für Ohr und Auge. Die Besucher bedankten sich am Konzertende mit einem langanhaltenden Applaus und brachten den Musikern im Stehapplaus ihre Begeisterung und Wertschätzung entgegen.